Donnerstag, 28. April 2011

geschenk

"Kevättä ei voi kesyttää"

Drei Jahre. Ein kurzer Gedanke zurück, dann sage ich 'Drei Jahre', mit einem sanften Lächeln im Gesicht und einem Kopfschütteln, was wohl als 'zu schön um wirklich wahr zu sein' interpretiert werden sollte. Du nickst kurz mit demgleichen Lächeln, vielleicht sogar mit denselben Gedanken im Kopf und nippst von deinem Krefelder.
Das Essen schmeckt gut, das Restaurant ist gut und die Musik ist zu kitschig. Wie die Tischdeko. "Ihre finnische Kälte und seine deutsche Ordnung", würden unsere Freunde jetzt wieder sagen.
Ich habe vor sieben Monaten einer deiner besten Freundinnen gesagt, was ich dir zum dritten Jahrestag schenken möchte, ganz im Geheimen, sie hat geschworen, sie würde es nicht weitersagen, und nachdem ich es ihr erzählt habe, war sie hin und weg. Sie sagte mir, es wäre niedlich und romantisch, und dir würde es mehr gefallen, als alle anderen Geschenke, die ich machen könnte. Wir wären füreinander bestimmt, sagte sie. Sie sagte es beinahe neidisch.


Jetzt sitzen wir hier in einem guten Restaurant und essen spanisches Essen, du nippst an deinem Krefelder, sitzt mir gegenüber und ich bin nervös. Was, wenn es dir nicht gefällt? Wenn du etwas größeres erwartet hast, etwas zum Anfassen? Unsere Gespräche sind ein erneutes Schüren von Erinnerungen, die in den letzten drei Jahren beinahe erloschen sind. Es ist schön, wieder zu hören, was passiert ist. In drei Jahren passiert viel. Höhen, Tiefen. Krisen und Euphorie. Ich würde in zwei Jahren gerne von dir hören 'Weißt du noch, unser Dreijähriges?' - 'Natürlich weiß ich das noch, ich musste oft daran denken', würde ich antworten. 'Da hast du mir das beste Geschenk gemacht, das du hättest machen können.', würdest du dann lächeln, und dann würdest du 'Minä rakastan sinua' schmunzeln, Ich liebe dich auf Finnisch, und ich würde dasselbe antworten.
Wir schlendern durch den Park, wir sind satt, und wir haben noch viel Zeit, und wir kommen an der großen Ulme vorbei, an der wir damals mit unserer Clique lehnten, Matsen mit Frischkäse bestrichen und Bier auspackten. Heute sind wir alleine dort und du reichst mir ein Päckchen. Fast schüchtern reichst du es mir, fast schüchtern nehme ich es an, als würden wir uns kaum kennen, dabei kenne ich deine finnische Verwandtschaft mit komplettem Namen, und wir wissen wie wir nackt aussehen. Fast schüchtern, übervorsichtig öffne ich das Päckchen. Darin ist eine Uhr, eine teure Uhr. Du weißt, wie sehr ich Uhren liebe, aus meinem Nachtschrank tickt es so laut, dass du manchmal nicht schlafen kannst, und du schenkst mir noch eine Uhr. Ich küsse dich, ich reiche dir mein Päckchen, und als du es öffnest, und den Zettel herausnimmst, guckst du überrascht und fängst an zu lesen. In meinen Gedanken lese ich mit, was ich niedergeschrieben habe.
"Moikka, minä en ole tiennyt, -" wie ich es dir hätte sagen sollen, deswegen schreibe ich es dir auf. Ich habe in den letzten Monaten für dich Finnisch gelernt. Ich habe deinen Bruder gefragt, ob er mir hilft, ich habe Bücher gelesen und jetzt kann ich es ziemlich gut. Finnisch ist ein Teil von dir, und du bist ein Teil von mir. Darum. "Minä rakastan sinua yli kaiken maailmassa."
Nachdem du fertig gelesen hast, hast du Tränen in den Augen. 'Paska', sagst du. 'Oikeasti?', fragst du - Wirklich?, fragst du mich und ich antworte 'Kyllä, ja.' Du liest dir den Zettel auf Finnisch immer wieder durch und sagst schließlich 'Kiitos'.
Später wirst du mir erzählen, dass das das beste Geschenk sei, das ich dir hätte machen können.


Balduin Fýx

Montag, 18. April 2011

über unbedeutsamkeit

"Ecrase les idées noires!"


Es sind diese Momente mitten in der Nacht, in denen man Zeit damit verbringt, Sterne zu beobachten, die soweit entfernt sind, dass man nur noch ihr Leuchten sieht, nicht mal mehr ihre Konturen. In diesen Momenten vergleiche ich meine Existenz aus unerfindlichen Gründen mit der stellaren Konstellation unseres Universums, nur um jedes Mal zu dem Schluss zu kommen, dass ich unbedeutend bin. Und dass mein Leben sinnlos ist.

Ich meine, was bin ich schon im Gegensatz zu einer Sternennacht? Ich glaube, dass eine Handvoll Menschen nachts den Kopf in den Himmel reckt und sagt: "Das ist so weit weg, da ist so viel Raum, und Trilliarden Sterne leuchten und wirbeln umher, und ich sitze auf einem Planeten fest und starre nach da oben, und fühle mich so nichtig." Ich glaube kaum, dass ein Stern irgendwo in einem Andromedanebel sitzt und mich beobachtet. Dabei sogar vielleicht über seine sinnlose Existenz und seine nicht vorhandene Denkfähigkeit nachdenkt.

Ich persönlich bin ziemlich unbedeutend, und ich finde mich damit ab. Ich habe mich auch damit abgefunden, dass das Leben keinen Sinn hat, oder dass der Sinn des Lebens ist, den Sinn des Lebens zu finden, und wir in dem Paradoxon festhängen zwischen finden und haben, oder wir dann den Sinn des Lebens kennen und uns denken: "Toll. War ja jetzt nicht so spektakulär."

Und selbst wenn. Es gibt viele Dinge außerhalb meiner Selbst, die total unbedeutend sind, zum Beispiel Rubidium. Ein chemisches Element, dass an der Luft direkt explodiert. Wow. Genauso unbedeutend sind auch die Sterne am Nachthimmel. Die können nichts außer leuchten, aber das können Laternen auch. Sterne sind nur für Seefahrer wichtig. Das wars.

Und was ist mit mir? Ich bin für den Großteil dieser Galaxie unbedeutend. Aber für ein paar Leute bin ich wichtig. Ein paar Leute mache ich vielleicht glücklich, ein paar Leute freuen sich, dass ich lebe. So unbedeutend kann ich gar nicht sein. Es freut sich schließlich niemand darüber, dass es irgendeinen gewissen Stern da oben gibt.


Balduin Fýx

Samstag, 16. April 2011

genugtuung

"Absolut nichts ist in Ordnung / Absolut nichts ist OK"

Langsam öffne ich das Fenster, beinahe bedächtig, als könnte das Glas aus dem Rahmen fallen, wenn ich es zu schnell bewege. Ich schaue hinaus. Die ruhige Straße, die gleißende Mittagssonne, der königsblaue Himmel. Aus einem anderen Blickwinkel könnte ich bestimmt den Asphalt flimmern sehen, aber von hier oben bricht sich das Licht falsch. Autos parken mit zwei Reifen auf dem Bürgersteig. Mein Entschluss steht fest. Es ist ein schöner Tag, es zu tun - vielleicht eine bleibende Erinnerung und Genugtuung. Ich gehe kurz zurück. Ja, es wird eine Genugtuung sein. Ich klappe meinen Laptop zu und ziehe das Netzteil aus der Steckdose, mit dem Kabel umwickle ich den Rest. Ich habe den Laptop fest im Arm, gehe ein paar Schritte rückwärts. Ich muss noch einmal ruhig durchatmen, weil noch Zweifel in mir rumoren, als ob es ein schlechter Entschluss ist. Ist es ein schlechter Entschluss?
          Nein.
Der Plan wird mich mehr kosten als Überwindung, aber ich laufe bereits die paar Schritte aufs Fenster zu. Ich habe mich überwunden. Ich fühle mich gut.

Ich habe mich wirklich zu lange geärgert, wisst ihr? Jeden Abend saß ich zuhause, und hätte alles und jeden zerschlagen können, so wütend war ich. Und warum?

Ich bin einen Schritt vom Fenster entfernt, ich hebe die Arme mitsamt Laptop, Akku und Kabel über den Kopf und schmeiße das Scheißteil mit voller Wucht aus dem Fenster.
"SCHEISSTEIL!", rufe ich hinterher und sehe dabei zu, wie diese technische Ausgeburt der Hölle auf der Straße aufprallt und regelrecht zerschellt wie ein lausiger Doppeldecker im Himalayagebirge. Ich feiere mich und meine Tat. Das Scheißding war unglaublich scheiße. Und jetzt ist es vorbei mit Abstürzen, "Der Anzeigetreiber wurde wiederhergestellt" und "Fehlerbericht senden?". Ich lache aus vollem Herzen, vielleicht rinnt mir auch eine Träne des Glücks über die Wange, ich weiß es nicht. Ich würde gerne noch auf die Überreste schießen, aber ich habe keine Pistole.
Ich hole einen Besen, und hoffe, keines der Autos hat Splitter abbekommen. Ich fege die Trümmerteile zusammen, und gehe dann wieder ins Haus. Dort wartet mein neuer, besserer Laptop. Zumindest hoffe ich für ihn, dass er besser ist.

Balduin Fýx

Sonntag, 10. April 2011

winter, (frühling,) sommer

"Liquid sunshine falls down"


«Warte noch!»
Sonnenstrahlen glitzern in deinen Haaren. Schneeglöckchen haben den Boden durchdrungen, um anzukündigen, dass bald Sommer ist. Dass kurz der Frühling kommt, und dann sechs Monate Sommer ist.
Ich warte. Du bist vom Rennen außer Atem, er kondensiert in der Morgenluft. Deine Wangen sind vor Kälte rot, und deine Nase läuft.
«Hast du gesehen?», frage ich. «Die Schneeglöckchen?»
«Ja, klar.», antwortest du lächelnd. «Und das heißt?»
«Dass bald Sommer ist.»
«Du Spinner, das dauert noch.», lachst du.
Ich schaue dich an. Du trägst einen Strohhut und Wollhandschuhe.
«Wer spinnt denn hier und trägt einen Sommerhut?»
Du siehst es ein.
«Nagut. Im Kopf fängt der Sommer wohl früher an.»


Balduin Fýx (geschrieben am 7.2.'11)

Samstag, 2. April 2011

hassprediger

"Nicht alles was du tust, das ist in Ordnung"


Ich hasse es, wenn du beim Bücherlesen mit dem Zeigefinger die Zeilen nachfährst. 
Ich hasse es, wenn du laut mitliest.
Ich hasse es, dass du deine Brote beim Beschmieren in die Hand nimmst.
Ich hasse es, dass du immer Krankheiten diagnostizierst, wenn ich dir sage, dass es mir schlecht geht.
Ich hasse es, dass du "Mum" und "Dad" sagst.
Ich hasse es, wenn du dein Messer nicht richtig abstreichst und ich immer Butterreste im Nutella habe, oder Nutellareste in der Butter.
Ich hasse es, wenn du "die Nutella" sagst.
Ich hasse es, wenn du mir antwortest, obwohl ich genau weiß, dass du mir nicht zugehört hast.
Ich hasse es, wenn du den Raum verlässt, obwohl du noch mit mir redest.
Ich hasse es, wenn du beim Rauchen vergisst, die Balkontür zuzumachen, und der ganze Rauch in die Wohnung zieht.
Ich hasse es, wenn du abstreitest, dass du ins Taschentuch guckst, nachdem du hineingeniest hast. Ich weiß, dass du das machst.
Und du hast mir nie geantwortet, ob die Farbe des Nasenrotzes darauf schließen lässt, wie lange man noch Schnupfen hat. Und du hast mir nie gesagt, was du an mir nicht leiden kannst, und du hast mich gefragt: "Hör mal, was hasst du eigentlich an mir?"
Ich hasse deine ansteckende Euphorie.
Ich hasse deinen Tatendrang.
Ich hasse deinen Mut in unbekannten Situationen.
Ich hasse es, wenn du vorschlägst mit der Bahn zu fahren,
dass du durch nasse Wiesen rennst, nur um eine dumme lila Blume zu fotografieren.
Ich musste lange überlegen. Und irgendwie sind all diese Sachen so nebensächlich. Oder schlicht erfunden, damit es nach mehr aussieht. Ich frage dich nicht: "Und, was hasst du an mir?", weil ich genau weiß, dass du direkt 20 Sachen wüsstest, weil deine Gedankengänge so klar und strukturiert sind.
Ich hasse es, dass deine Gedankengänge so klar und strukturiert sind.
Du sitzt da, drehst das grüne Kissen aus Strukturstoff - den ich überhaupt nicht leiden kann - 
Ich hasse es, dass du Strukturstoffkissen gekauft hast. -
und du schaust mich an und musst lachen. Ich lache mit. Dann werde ich wieder ernst und schaue dich nicht an. Ich schaue an dir vorbei und sage:
Ich hasse es, wenn dir jemand weh tut. Ich hasse es, wenn du traurig bist, und wenn ich dich traurig mache. Ich hasse es, wenn du mehr willst als du kannst. Wenn du mich irgendwie glücklich machen willst. Du machst mich auch so glücklich.
Ich hasse so viel an dir.




Ich liebe dich.


Balduin Fýx