I tried to give you up / but I'm addicted
Die Verkäuferin nickt und dreht sich um. Zwanzigster Mai. Es ist schon wieder ein Jahr vergangen. Schon wieder. Eine zierliche Floristin, Floristinnen sind immer zierlich, wie Porzellanpuppen. Sie geht um die Theke und zeigt mir die Gladiolen, die ich wollte.
"Es sind schöne Blumen.", sagt sie. "Darf ich fragen, für wen die sind?"
"Für meine Freundin.", sage ich.
Geschätzte dreißig Gladiolen stehen vor uns im Wasser und blühen, als würden sie Geld dafür erwarten.
Die Floristin lächelt. "Liebe ist etwas Stärkendes, nicht wahr? Ihre Freundin wird sie Lieben."
"Das tut sie. Ich schenke sie ihr jedes Jahr. Fast wie ein Ritual."
Es sieht aus, als würden mich die Gladiolen anschauen, ganz erhaben vor mir stehen und mich anschauen.
"Wie viele wollen Sie?" - "Alle."
Die Verkäuferin stockt kurz, nimmt dann das ganze Bündel, und zählt achtundzwanzig. Also kaufe ich achtundzwanzig wunderschöne Gladiolen für meine Freundin, die Verkäuferin packt sie ein, bedankt sich, bevor ich gehe. Draußen reiße ich die Verpackung ab und schmeiße sie weg. Jeder soll sehen, wie ich mit achtundzwanzig Gladiolen zu meiner Freundin gehe. Wie ich es jetzt seit vier Jahren mache.
Sie hat mir vor einiger Zeit gesagt, sie würde keine Rosen mögen. "Rosen sind einfallslos, leider so klischéehaft." Das offenbarte sie mir, als ich ihr eine Rose schenkte.
Gladiolen würde sie mögen. Also stand ich am nächsten Tag mit einem Strauß Gladiolen vor ihrer Tür, und sie konnte ihre Freunde darüber nicht in Worte fassen. Also küsste sie mich. Unser erster Kuss, und ich hatte Gladiolen in der Hand.
Jetzt gehe ich durch die Gänge, wo überall Menschen sind, deren Geschichte ich nicht kenne, außer deine, und du bist auch da. Da wo du immer bist.
Und ich stehe da, mit den Gladiolen in der Hand, und sage: "Zwanzigster Mai. Es ist Zeit. Ich kann es kaum glauben, dass ich dich immer noch liebe. Ich würde dich gerne wieder küssen."
Ich hocke mich hin, und lege die Blumen auf dein Grab, zeichne mit dem Finger über den Namen, in Stein gemeißelt.
"Ich vermisse dich.", bringe ich nicht hervor. Meine Stimme wird brüchig, ich kann nicht mehr reden, ich muss es denken, und hoffen, dass du mich hörst.
"Wann lässt du mich los?"
Balduin Fýx
Wunderschön geschrieben. Kennt man ja auch nicht anders von dir. Themenwahl ist auch sehr gelungen, auch wenn ich ab der Erwähnung mit dem Ritual dann auch schon mit den Gedanken bei 'Freundin ist bestimmt tot.'war. Hat mich trotzdem weiterhin gefesselt und sich gut lesen lassen. Wieso ist hier schon so lang Stille? ;__;
AntwortenLöschen[Bin übrigens dafür, dass ein 'Name/URL' angeboten wird.. Ich habe fast keines der Konten in aktivem Zustand. Hum.]